7. Bericht, aus Cochin, erhalten am 2. Januar 2003


Meine Lieben alle,

Weihnachten ist vorbei. Ich danke allen fuer die tiefe Verbundenheit, die ich in unserm globalen Dorf gespuehrt habe. Ich war in Gedanken und Gebeten ebenso bei Euch allen, besonders jenen, die harte Schicksalschlaege zu verkraften hatten. Auch da habe ich erlebt wie anders der indische Mensch reagiert. Hat jemand ein Unglueck zu verkraften, zieht er / sie sich nicht zurueck, sondern die Verwandten und Bekannten kommen und nehmen Anteil, teilen das Leid. So sind Beena und ihr Mann noch am heiligen Abend zu jemandem gefahren, deren Tochter ganz ploetzlich schwer krank geworden war.

Bevor ich etwas anderes schreibe, spuere ich knueppeldicht die Frage: Wie hast Du denn Weihnachten gefeiert?

Ich war bei Beene Sebastian eingeladen, das heisst, ich haette an ganz viele Orte hingehen koennen, denn an Weihnachten darf niemand allein sein. Die Hauptsache ist allerdings nicht der heilige Abend, sondern das Fest beginnt mit der Mitternachtsmesse. Vorher gilt noch das Fasten. Die Kerzen / Lichtsymbolik, sowie das Tannengruen, haben hier keine grosse Bedeutung. Die Nacht ist ja nur etwa 13 Stunden lang. Am Tag scheint die Sonne und in der Nacht der Mond. Die Natur ist gruen. Unsere laublosen Baeume kann sich hier keiner vorstellen. Es gibt natuerlich jede Menge kuenstlicher Christbaeume aus China zu kaufen. Viele Leute haben einfach einige weissbemalte Stecken aufgestellt und mit Girlanden, Ballons, bunten blinkenden Lichtern und was weiss ich was beladen. In den Kirchen sind ein paar Blumen mehr als sonst und eine Krippe. Da ich die Sprache nicht verstehe, ist mir nicht viel anderes im Gottesdienst aufgefallen. Aeusserst sympathisch war mir, dass der Pfarrer den Weihnachtskuchen gleich auf dem Altar angeschnitten hat. Aber dann gings los mit Feuerwerk und lauter Musik fuer die restliche Nacht, mal da mal dort. Auch sonst war Programm. Der Weihnachtsmann hat hier die Rolle eines Entertainers, tanzt mit den Kindern, etc.

In den Familien beginnt das Fest mit dem Fruehstueck: Es gab eine Art bessere Chappati mit Haehnchencurry, so eine Art Huehnereintopf, gekochte Bananen und noch viele andere einheimische Leckereien. Hier wird ganz viel mit Kokosnuss gekocht. Beena hatte drei Geschwister eingeladen, arme Leute, auf die ich spaeter noch zu sprechen komme. Zwei, ein junger Mann und das Maedchen, koennen nicht sprechen, Das Maedchen ist auch geistig behindert. Es war das erste Mal, dass sie ueberhaupt irgendwo eingeladen waren. Ich hatte den Tisch mit in Mandarinen gesteckten Kerzchen dekoriert, so wie wir es in der Schweiz zu tun pflegen. Das war etwas ganz Besonderes und wurde entsprechend gewuerdigt. Die Kerzen mussten dann bei jedem Essen brennen. Am Mittag sind dann halt wieder 32 Grad und der Ventilator darf der Kerzen wegen nicht laufen… Auf die Zimmertanne vor dem Haus hatte ich ebenfalls ein paar Kerzen gesteckt. Wir verbrachten einen richtig schoenen Tag miteinander, auch im gemeinsamen Familiengebet, wo Cuckoo meinen Freundeskreis ganz besonders eingeschlossen hat. Am Abend fuhr die ganze Familie, zu der auch Beenas alte Mutter (K.K. Chandis Witwe, auf dem Foto vom Weihnachtsfrühstück ganz rechts) gehoert, und ich ans Meer, wo wir die kuehle Brise genossen. Wir sassen einfach da und unterhielten uns ueber Gott und die Welt. Mutter Chandy erzaehlte mir aus ihrem Leben. Sie war das erste Maedchen in Kerala, die das Abitur gemacht hat. Dann wurde sie verheiratet und kurz darauf erhielten sie und ihr Mann ein Stipendium, um in England zu studieren. Damals reiste man noch mit dem Schiff. Sie hat ein spannendes Leben als Friedensaktivistin hinter sich hat, sass deswegen auch im Knast.

Am Weihnachtsabend legt der Nikolaus jedem ein Geschenk unters Kopfkissen. An Weihnachten gibt es keine Power cuts, aber dann wieder am Stephanstag. Da steckte ich die Kerzchen auf dem Weihnachtsbaum an und wir sassen darum herum. In Indien ist es ganz und gar unueblich draussen zu sitzen. Das tun nur die Kastenlosen, aber Weihnachten machts moeglich. Fuer mich war es natuerlich ganz unueblich an Weihnachten draussen zu sitzen, und erst noch ohne Jacke und Schuhe. Beena (auf dem Foto in der Mitte) erzahlte, wie wir in Europa Kleiderstaender haetten und uns immer umziehen muessten und die Schuhe wechseln. Die beiden Maedchen hoerten aufmerksam zu.

Ich erzaehlte vom Gemuese und besonders von den hier so beliebten Aepfeln, die wir im Herbst einkellern. Was ist ein Keller? So werden auf ganz anderem Hintergrund ganz alltaegliche Dinge ploetzlich spannend. Dies ist das Wesenliche fuer mich in Auslandsaufenthalten, nicht irgend welche verrueckten Abenteuer zu erleben, sondern wach zu werden fuer die eigenen Werte, das was den Alltag bunt und schoen macht.

Fuer uns Europaer ist es total spannend einem Elefanten zu begegnen. Fuer die Einheimischen ist es interessant unsere Freude zu teilen. Elefanten gehoeren hier zum Alltag. Kuerzlich hatte ich sogar die Gelegenheit, auf einen zu steigen (siehe Foto). Spaeter raunte mir jemand zu, das das hier fuer Girls eher unueblich sei. I’m not a girl...!

Am Silvesterabend waren Treesa und ich bei Nachbarn eingeladen und besuchten dann die Mitternachtsmesse. Die Liturgie hatte bedeutend mehr Symbole, die ich verstand. Kurz vor Mitternacht wurde alles Licht ausgemacht. Dann Kirchenglocken und ein Hoellenlaerm mit Crackern. Als das Licht wieder anging, stand Welcome 2003 auf dem Lesepult.

Neujahr ist hier Arbeitstag. Allerdings wird ueberall gefeiert. So hatten wir unsern Neujahrsempfang auf dem Dach. Wir haben ueberall dekoriert. Ich bin mittlerweile schon ganz gut im Entwerfen von Christbaeumen.Ich werde Christbaumdesignerin!!

Wir waren etwa 35 Personen, Freunde, GoennerInnen, Frauen, die betreut werden, ect. Es gab allerlei Reden, Gesangseinlagen und natuerlich gutes Essen. Wir hatten aber einen ganz besonderen Gast. Die Schweizer Konsulin von Bombay weilte gerade in Suedindien und kam auf Besuch. Ich war total gluecklich mal wieder sprechen zu koennen wie mir der Schnabel gewachsen ist. Die Leute hier warteten alle nervoes auf den grossen Besuch und konnten es nicht fassen, dass Ruth nicht mit Polizeischutz, sondern mit der Autorishka anreiste, wie es normal Sterbliche auch tun. Ihre schlichte Erscheinung hat alle sehr angesprochen. Vorallem aber bin ich gluecklich, dass sich Beena und Ruth kennen gelernt haben, zwei engagierte Frauen, die beide unglaublich viel Erfahrung in Frauenarbeit (women empowerment) haben.

Am Abend war dann Carnaval mit Umzug in unserer Strasse. Er wurde von Ghandy angefuehrt, dann folgten drei religioese Fuehrer: ein Hindu, ein Araber und ein Priester, alle von jungen Maennern in voller Wuerde dargestellt. Kleine Maedchen hatten sich als Nonnen verkleidet. Am huebschesten waren die Weihnachtsmaenner, die wie Gummibaellchen zum Rythmus der Trommler huepften. Die Trommler verstehen was von ihrem Job! Ich kann ihnen stundenlang zuhoeren! (Es bleibt mir auch nichts anderes uebrig.)

Eines hat mir die Tage gefehlt: Ein gutes Glas Wein zum Anstossen. Man sollte nie laut denken. Am Abend stand ploetzlich eine Flasche Wein in der Kueche, suesser, schwerer indischer Wein, von dem man besser nicht zwei Glaeser trinkt… Heute werde ich also noch mit Beena und den Maedchen anstossen, uebrigens nicht mit Glaesern, entweder mit Plastikbechern oder Teetassen. Glaeser haben wir nicht.

Dieser Brief war nur ein kurzer Neujahrsgruss. Der laengst faellige Dezemberbericht ist noch nicht geboren. Aber wer Interesse hat, den Jahresbericht der CAP zu lesen (English), soll sich bitte bei mir melden.

Nun wuensche ich allen ein frohes, gesegnetes Neues Jahr.

Eure Schwester Myriam


weiter zum 8. Bericht...


Dieses Dokument wurde veröffentlicht auf http://www.wethen.de