6. Bericht (Weihnachtsbrief), aus Cochin, erhalten am 20. Dezember 2002


Hallo, Ihr Lieben,

mit diesem wunderschoenen indischen Weihnachtsbild von Sister Claire moechte ich allen eine tiefe Weihnachtserfahrung und ein gutes Neues Jahr wuenschen.
(Über Sr. Claire hat Sr. Myriam in ihrem 4. Bericht mehr geschrieben; der Redakteur-)

Der Pfau ist der Nationalvogel Indiens, Inbegriff der Schoenheit. Gerade das Schoenste ist gut genug fuer den Mensch gewordenen Gottessohn, doch in dieser Idylle, im Heiligenschein des Kindes und in der orangen Farbe, auch Marias Bluse ist orange, ist schon das Leiden Jesu angedeutet. Es koennte auch fuer das millionenfache Leid der Menschen Indiens und ueberall auf der Welt stehen. Immer wieder staune ich, wie Menschen, die unglaublich viel durchmachen, es verstehen, im Augenblick Mensch zu sein und Freude ausstrahlen. Der Geburtsschrei des Jesuskindes ist nicht zu trennen vom “mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen” des sterbenden Gottessohnes.

Fuer mich persoenlich muss ich sagen: Vieles, was mit Weihnachten zusammenhaengt, mag ich nicht, aber ich lebe taeglich aus dem Geheimnis der Menschwerdung Gottes, und Christusverwirklichung ist mein Leben. Ohne diese innige Jesusbeziehung wuerde ich es tatsaechlich nicht schaffen.

Dies ist eine Rahmenantwort auf die vielgestellte Frage: Wie verkraftest Du dies alles?

Zum Glueck gibt es EINEN, der mich traegt samt meinen Lasten und Lastern. Getragen bin ich auch von meiner Hausgemeinschaft, der oekumenischen Dorfgemeinschaft und einem grossen, ganz tollen Freundeskreis. Ich spuere die Verbundenheit durch das Gebet, besonders meiner lieben Wethener, aber auch die Verbundenheit durch die Gedanken und Zeichen vieler Menschen, die sich eher als nicht religioes bezeichnen wuerden. Die Korrespondenz mit Euch allen ist fuer mich eine grosse Hilfe.

Dann gibt es viele, die mich um meine Abenteuer beneiden. Ich muss ehrlich gestehen, es gibt genug Situationen in Wethen, wo ich einen ganzen Tag darueber schreiben koennte, was ich in einer halben Stunde erlebt habe. Meine abenteuerlichste Reise ist nicht die nach Indien, sondern ist die Reise nach innen.

Sonst ist mir eher nicht nach Weihnachten zu mute. Der Regen hat aufgehoert und es ist etwas weniger heiss und vor allem weniger feucht.. Am ganz fruehen Morgen duerfte es sogar unter 20 Grad gehen. Waehrend ich endlich genuesslich schlafen kann, frieren hier die Menschen. Hier waren alle erkaeltet, so dass es auch mich erwischt hat, aber mittlerweile haben wir den ersten “Wintersturm” gut ueberstanden.

In den Geschaeftsstrassen haengen tausende von Girlanden. Die Baumstaemme sind mit Silberfolie umwickelt, und hin und wieder trommelt sogar ein Weihnachtsmann in einem Schaufenster oder fliegt mit dem Schlitten gen Himmel.

Was wunderschoen ist, sind die beleuchtbaren, einheimischen Weihnachtssterne, die vor allen christlichen Haeusern haengen. Sie werden in Kerala gefaltet und sind vergleichbar mit den Herrnhuter Sternen.

Aber nicht nur die Christen feiern. Die Muslime hatten eben Ramadan. Die Hindus haben ebenfalls ihre Festivalszeit. Ueberall sind blumengeschmueckte Autos und schwarzgekleidete Pilger. Kuerzlich war ich mit unserer Nachbarsfamilie an einem Tempelfestival mit 15 geschmueckten Elefanten. Der praechtigste trug den Schrein. Auf den Ruecken der Tiere sassen je drei Brahmanen mit bunten Schirmen, Pfauen- und Ziegenhaarwedeln, die je nach Musik geschwenkt werden. Zum Orchester gehoeren vor allem Trommeln und trompetenaehnliche Blasmusik. Die Wuerde der ganzen Zeremonie hat mich sehr beruehrt. Mal abgesehen von den Elefanten, erinnerte mich vieles an das Liborifest in Paderborn, sicher auch der Pfauenwedel und des bunten Treibens wegen.

Viele Kirchen feierten in dieser Zeit Kirchweih, da viele dem hl. Franz Xaver (3. Dez.) und der Immakulata (8. Dez.) geweiht sind. Da ist was los! Die Lichtsymbolik ist nicht so ausgesprochen wie bei uns, da die Tage weniger kurz sind und immer die Sonne scheint, aber eine moeglichst bunte Beleuchtung mit Lichtern, die sogar zu der ohrenbetaeubenden Musik tanzen (tatsaechlich!) und viel Feuerwerk sind unumgaenglich. Alles was an Farben und Toenen moeglich ist, wird aufgeboten. In den Prozessionen gehen die gleichgekleideten Trommler voraus wie bei den Hindus mit aehnlichen Rhythmen, auch mit aehnlichen Schirmchen. Die Christen tragen manchmal Kerzen mit. Dazu wird auch noch ganz andaechtig Rosenkranz gebetet, ohne auch nur ein wenig im Takt zu wippen...

Der Rosenkranz ist uebrigens keine katholische Erfindung. Er ist eine uralte Gebetsform, die sowohl im Hinduismus als im Islam existiert. Besonders viele junge Maenner tragen eine Gebetsschnur um den Hals. Die jungen Christen haben stolz den Rosenkranz umgehaengt und beten ihn auch!!

Ich bin mehrmals gefragt worden, warum ich nach einem westlichen Friedenslabel Ausschau gehalten habe, ob es denn kein indisches Friedenszeichen gebe. Doch, es gibt eines, das SWASTIK, ein Zeichen aus dem Sanskrit, das soviel wie Schalom, Frieden, Wohlergehen, eben Heil, bedeutet.
Es taucht ueberall auf: auf Glueckwunschkarten, auf Lastwagen, in den Tempel- und Kirchenbeleuchtungen an Festtagen und auf Teedosen. Es gehoert zum taeglichen Leben. Auch in modernen Kirchen, welche sich auf die indische Kunst zurueckbesinnen, ist es zu finden. Aber fuer eine IFOR*-Jugendgruppe, die sich international vernetzen moechte, ist es tabu. Das SWASTIK ist das Hakenkreuz.
(*IFOR = Internationaler Versöhnungsbund)

Ein weihnachtliches Zeichen in dieser zerrissenen Welt wurde am 29. November in Delhi gesetzt, wo sich die verschiedensten Friedensorganisationen entschlossen haben, gemeinsam eine Nonviolent- peace force, eine Art internationale professionelle Friedensarmee zu gruenden. In den grossen Schlagzeilen wird davon kaum viel rueber gekommen sein. Wer mehr darueber wissen moechte, oeffne bitte www.soziale-verteidigung.de 

Die Schweizer Botschafterin in Bombay hat mir ihren Bericht ueber ihre Aufbauarbeit bei den Landfrauen in Bangladesh geschickt, ein grossartiger Report (in English), der sich zu lesen lohnt. Fuer mich sind das die wahren Weihnachtsgeschichten. Wer ihn gerne haben moechte, soll mir bitte auf meine Adresse mailen: Schwester.Myriam@web.de

Ich habe in den letzten Wochen nicht nur gefeiert, sondern auch sehr viel gearbeitet. Ich hoffe, den naechsten Bericht bald fertig schreiben zu koennen. Dies war ein weihnaechtliches Zwischenzeichen.

Nun gruesse ich euch alle von Herzen und danke fuer alle Verbundenheit. Ich wuensche allen gnadenreiche Weihnachten und ein gutes Neues Jahr. (Das neue Jahrtausend ist auch schon bald wieder alt!)

Eure Schwester Myriam


weiter zum 7. Bericht...


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