5. Bericht, aus Cochin, erhalten am 18.11.2002 



“It is a joy when hundreds of women march hand in hand with the message of peace and nonviolence. Men spend millions of rupies to manufacture war materials while millions of people die from hunger. We need women to stop this. We need to liberate and to educate women."

Beena Sebastian, FOR India

Hallo, Ihr Lieben,

Es ward Abend und es ward Morgen. Ich kann nachzaehlen soviel ich will, es sind seit meiner Ankunft hier schon fast vier Wochen vergangen. Ich kann sogar schon ein paar Worte Malayalam, z. B. das Wort "nale" - morgen. Ich glaube, es ist das meistgebrauchte Wort  in diesem Land. Mir kraeuseln sich schon die Nackenhaare, wenn ich es wieder hoere. Ich brauche es aber auch schon oefters. Die letzten vier Wochen war soviel los, dass ich einfach auch vieles auf "nale" verschieben muss.

Zuerst ein Wort zu Kerala. Es ist das gruene Land Indiens. Das ganze Land ist ein in einen Wald gepflanztes Dorf. Kerala ist wahrscheinlich der am meisten entwickelte Staat. Es gibt zwar noch nicht allzu viel Tourismus und kaum Warenexport, aber sie haben das beste Schulsystem und das beste Gesundheitswesen. Das Land gehoert den Kleinbauern. Die Menschen koennen leben, wenn auch einfach, aber menschen-wuerdig. Auf den Strassen fahren bedeutend mehr Personenwagen als in anderen indischen Staaten.
Ein ganz grosser Prozentsatz, es gibt Leute, die sprechen von 20 Prozent (Zahlen sind in Indien immer relativ), leben auswaerts, in Europa und Amerika, ganz viele auch in den Golfstaaten. Sie unterstuetzen mit ihrem Verdienst die Familien zuhause.
Kerala war das einzige Land mit einem freigewaehlten kommunistischen Regime.
Die drei Religionen Hinduismus, Christentum und Islam sind etwa gleich stark. Die religioese Toleranz ist hier am groessten. Es ist fast einfacher, mit den anderen Religionen zu leben als die Wuseleien in den verschiedenen christlichen Bekenntnissen auszuhalten. (Bild: Drei Berge, drei Heiligtümer: Hindutempel, Marienwallfahrtsort, Moschee (das Bild stammt nicht aus Kerala, sondern ist am pazifischen Ozean aufgenommen.)).
Die Kirche in Kerala ist eine der aeltesten der Welt, vom Apostel Thomas gegruendet. Im Westen wird dies gerne als Legende abgetan. Mittlerweile gibt es aber kirchliche Ausgrabungen aus dem ersten Jahrhundert. Ich selber habe schon ein Kreuz aus dem 6. Jahrhundert gesehen. P. Jose Marie sagte in seiner selbstsicheren Art: Ich verstehe schon, warum eure Kirche so zerbroeckelt. Ihr habt ja gar keine Wurzeln. Wir waren schon Christen, als ihr noch Babaren gewesen seid. Da hatten wir schon eine Jahrtausende alte Kultur.
Leider ist von der Kirchengeschichte so gut wie nichts erhalten. Man nimmt an, dass auch Teile Pakistans christlich waren, ehe sie vom Islam eingenommen wurden. Wahrscheinlich sind die Malayaren der kleine uebrig gebliebene Rest, der sich vor der Islamisierung gerettet hat. Heute verkuenden sie wieder das Evangelium in der ganzen Welt. Mit den Christen in Goa, die im 16. Jahrhundert von Franz Xaver getauft wurden, haben sie nichts am Hut. Das sind Neubekehrte. In Kerala wird noch eine syrische Tradition gepflegt, die in Syrien selber ausgestorben ist.
Manchmal gehe ich auch an Wochentagen in die Messe, aber wenn ich als ziemlich die letzte anschwirre, ist die Kirche voll, auf der einen Seite die Frauen und auf der anderen die Maenner. Heisse Motorraeder und schnittige Pkw stehen vor der Kirche. Bis die letzten Gebete verklungen sind, sind sie alle weg. Die Maenner sind zur Arbeit gefahren.

Im Moment ist es nicht allzu heiss (nicht ueber 30 Grad). Es ist Suedwestmonsun. Aber es ist sehr feucht. Nach einem Gewitter, es regnet fast jede Nacht, kuehlt es aber nicht etwa ab, sondern der Regen steigt gleich wieder auf und mit ihm die Muecken….Ist man in ein Gewitter geraten und tropfnass, friert man nicht, sondern es ist endlich richtig angenehm, jedenfalls fuer mich Europaeerin. Das hat mich auf den Gedanken gebracht, bei grosser Schwuele einfach feuchte Waesche anzuziehen. Das haelt den Koerper kuehl. Hingegen kalte Duschen rufen eher eine Gegenreaktion hervor: Nach 5 Minuten tropft das Wasser wieder an einem runter.
 Die Muecken muessten mich mittlerweile Malaria-immun gestochen haben. Ich habe zwar einen Mueckenspray dabei, aber er hilft mehr gegen Stiche. Es gibt sehr gute indische Antimueckenlampen, die man in die Steckdose stecken kann. Aber am Abend, gerade in der Mueckenzeit, ist immer eine halbe Stunde Powercut, um Elektrizitaet zu sparen. Auch in der Nacht sind oft Stromausfaelle. Waehrend des Medienseminars hatte ich ein Moskitonetz, auch in Bombay, wo es ebenfalls sehr schwuel war. Aber mit dem laufenden Ventilator die ganze Nacht, kam ich mir vor wie im Umluftbackofen. Ausserdem musste ich doch jeden Morgen als erstes im Netz herum kriechen und die Muecken totschlagen, die durch irgendwelche Loecher ins Netz, aber nicht mehr raus gefunden hatten.

Die ersten zwei Tage wohnte ich bei Beena Sebastian (auf dem Foto in der Mitte), einer ganz grossartigen Frau. Sie ist die Tochter von Acharya K.K. Chandy, einem  grossen Sozialreformer und Friedensaktivist Indiens. Er kannte Gandhy, Vinoba Bhave, Nehru, Indira Gandhy und und viele andere grosse Persoenlichkeiten. Er war Priester der suedindischen anglikanischen Kirche. Beena selber ist durch Heirat syrisch-katholisch geworden. Damit bin ich endlich bei oekumenisch gesinnten Leuten. Die Sebastians haben zwei Toechter, Cockoo, 20, und Premu, 15 (links auf dem Foto). Ich war sofort in die Familie integriert. Leider ist das Haus nicht gross genug, dass ich haette da wohnen bleiben koennen. Besonders genossen habe ich das gemeinsame Gebet am Abend. Gesang, Bibellesung und freies Gebet. In den christlichen Familien ist es Brauch, dass am Abend alle miteinander eine Andacht halten. Bei Beena nimmt sogar der Koch daran teil. Auch der Muhadezin ruft seine Glaeubigen zum Gebet, erstmals morgens um fuenf! Manchmal trommeln Hindus durch die Strassen... Spaet in der Nacht hoere ich noch die Jakobiten beten.

Als ich ankam, liefen die letzten Vorbereitungen fuer das grosse Medienseminar auf Hochtouren; "Women, Media and Peacebuilding". Es wurde von FORI (Fellowship of reconciliation India und IFOR organisiert. Es fand in einem katholischen Bildungshaus, Ashir Bavan (Foto), statt. Friedensaktivistinnen und Journalistinnen aus ganz Indien  waren anwesend. Die einzelnen Seminare wurden von indischen Spitzenfachleuten von nationalem und internationalem Ruf gehalten. Es dauerte sechs Tage. Morgens um 8 Uhr war Fruehstueck, um 9 die interreligioese Morgenandacht, jeden  Morgen war eine Frau von einer anderen Religion an der Reihe. Das war sehr beeindruckend und hat mir sehr gut getan. Einmal war auch ich dran. Weil ich kein Lied von meiner Kultur singen konnte, habe ich bei einem Priester, der in Deutschland war, nach deutscher Volksmusik nachgefragt. Er hatte welche, von Maria und Martha Hellwig: "Hallo guten Morgen, wie geht es Dir?" Ich las meine Lieblingsschriftstelle aus Dt.31,19: Leben und Tod habe ich vor Dich hin gelegt, Segen und Fluch: Waehle das Leben! Weil es keine ganzheitliche Friedensarbeit gibt ohne Bezug zur Schoepfung, dem Tierreich und unserer eigenen Spiritualitaet, betete ich den Sonnengesang des Franz von Assisi, was auch die andern Frauen sehr angesprochen hat.
Um 9h fing das erste Seminar an, ein zweistuendiger Vortrag, meistens laenger. Kurze Kaffepause, naechstes Seminar bis um eins. Mittagessen. Um 2 Uhr weitere zwei Stunden Sitzung, Kaffepause, und weiter ging es bis um 6h oder auch laenger. Um 20 h Abendessen, dann meistens freiwillige Weiterarbeit, und das 6 Tage lang. Wir haben auch eine Zeitungsredaktion, eine Fernsehstation und ein Radiostudio besucht.
Ich habe sicher viel gelernt, aber letztlich kommt es auf den kuerzesten Nenner gebracht doch darauf heraus: Ohne gute Beziehungen laeuft gar nichts. Deshalb ist die Vernetzung  so wichtig. Vieles habe ich auch nicht verstanden oder ich war zu muede, aber ich wusste was ich sagen wollte.
Die Inderinnen habe ich irgendwie femininer als westliche Frauen erlebt. Sie tragen auch eine unglaubliche Fuelle von Farben mit ihren Saris, Chududars, Salwars und wie die Kleidung auch immer heissen mag. Die junge Muslimin kam in Jeans. 
An Selbstbewusstsein fehlt es den Damen nicht. Ich habe sie auch um ihre Leidensfaehigkeit bewundert. Schon mit Professor Ramaswami habe ich viel ueber Leidensbereitschaft, Verzicht, Opfer, gesprochen, aber nicht mit dem negativen Beigeschmack, den das Wort bei uns ausloest, sondern als positive Lebenskraft. Zu lange haben wir uns im Christentum “abgetoetet, um dem lieben Gott Freude zu machen” und uns echte Lebensfreude vergoennt. In der Spassgesellschaft ist heute die Religion gefragt als Mittel zu leidfreiem Glueck und Seelenverzauberung. Mit Leid und Tod umgehen koennen wir kaum mehr. Aber koennen wir uns noch so freuen, wie sich die Menschen in Indien immer wieder freuen koennen?
Ohne Leiden(sbereit)schaft und ohne die Faehigkeit im Moment zu leben und sich ueber diesen Moment auch zu freuen, geht es nicht in der gewaltfreien Friedensarbeit.

Wir hatten ein konkretes Projekt zu bearbeiten und vorzustellen. Mit Laksmi, einer Studentin fuer Menschenrechte und Airhostess, arbeitete ich an meinem indischen Friedensbild weiter (eine Weiterentwicklung des hier abgebildeten Wandbildes). Laksmi hatte eine Menge guter Ideen. Das Schwierigste war, meinen westlichen Hintergrund und ihre indische Weltanschauung einigermassen auf einen Nenner zu bringen. Was daraus entstand, war eines der besten  aller vorgestellten Projekte. Nun sind die MSFS-Patres dran zu sehen, was zu verwirklichen ist und was nicht. Wir duerfen weiterhin gespannt sein.

Cukoo (rechts) und Nazia, die islamische Jurastudentin (links auf dem Foto), drehten ein Video, das fuer die Jugendarbeit eingesetzt werden soll. Sie ernteten das groesste Lob.
Es ist unglaublich, wie engagiert und in wie vielen Bereichen diese Inderinnen arbeiten, um Frauen in Indien ein besseres Leben zu ermoeglichen. Da waren Rechtsanwaeltinnen und Universitaetsprofessorinnen, eine Schriftstellerin. Nur einige moechte ich etwas naeher vorstellen: Aparna ist einige der wenigen Dalithfrauen, die es bis ganz oben geschaft haben. Schon ihre Mutter war eine beruehmte Dalithdichterin. Sie hatte unter anderem auch Gastvorlesungen an der Uni Heidelberg. Aparna ist Professorin fuer englische Literatur und dabei Aktivistin fuer die Rechte der Dalithfrauen, der Kastenlosen, die bis heute keine Chance haben. Dafuer geht sie an die Decke, wenn das Thema nur irgendwie angesprochen wird. Das ging Milli auf die Nerven, einer Brahmanin aus Dehli. Trotzdem waren die beiden immer zusammen. Vor Jahren haette eine Brahmanin ein Zimmer nicht einmal betreten, in dem sich eine Dalith aufhielt. Die Kastenlosen duerfen vielerorts nicht einmal aus dem Brunnen schoepfen, den die hoeheren Kasten benutzen. Als in Tamil Nadu einmal ein Maedchen sah, wie ein kleiner Junge in den Brunnen der Highcast fiel, sprang es schnell hinein und rettete dem Kind das Leben. Im Nachhinein wurde das Maedchen bestraft, weil es den Brunnen der andern beschmutzt hatte. Es gibt noch viel schrecklichere Geschichten.
Aparna war auch in indischen Frauengefaengnissen. Die Berichte moechte ich nicht weitergeben. Sie hat Poolan Devi persoenlich kennen gelernt, als diese Parlamentarierin war. Wer sich mit der schrecklichen indischen Frauenwirklichkeit auseinandersetzen will, dem empfehle ich die Biographie der Poolan Devi.
Wenn alles klappt, wird Aparna naechsten Sommer als Gastreferentin nach Magdeburg kommen.
Ja, und dann war Raja da, eine lutherische Pastorin, die als Schwester in einem Frauenashram lebt und sehr viel Frauenarbeit in den Doerfern in Andrah Pradesh leistet. Alle wollten natuerlich wissen, wie ich denn lebe. Dank Raja fand ich die einfachste und einleuchtendste Erklaerung: Ich lebe in einem mixed Ashram (dazu zeigte ich ein Photo der Laurentius-Hofgemeinschaft Diemelstr. 3) und der aeltere Herr im Hintergrund ist unser Sadhu (der Weise). Der ist auch lutherischer Pastor. Das war der Punkt fuer Raja. Sie schrie vor Freude. Was, der auch? Dann habe ich jetzt einen Bruder in Germany. Du musst ihn von mir gruessen lassen. Sie strahlte vor Freude ueber den neuen unbekannten Bruder..
Die Erklaerung mit dem Ashram ist fuer mich wirklich die Loesung. Vorher wurden mir Loecher in den Bauch gefragt nach unserer Gemeinschaft.
Anu aus Assam brachte ihren Mann mit. Ich sass sehr gerne bei den beiden. Sie luden mich auch in dieses faszinierende Land ein, immer wieder, aber ein Flug ist mir zu teuer. Mit der Bahn dauert die Reise fuenf Tage mit dreimal umsteigen. Das lass ich lieber, vor allem das Umsteigen. Aber ich habe ihnen und Raja versprochen, falls sich jemand fuer Praktikumsplaetze interessiert, die Adresse weiter zu geben.

Ich fuehlte mich unglaublich wohl in diesem Kreis.Ich stellte natuerlich auch “meine Organisationen” vor. Besonders fuer Solwodi war grosses Interesse da und fuer die Erdcharta. Die englischen Unterlagen, die ich in den Wethener Bueros geholt hatte, sind schon alle verteilt. Schade, dass nichts Englisches von Church and Peace dabei war.
Als am Ende darueber beraten wurde, welches Thema als naechstes dran waere, schlug ich vor, das Thema “Gewalt unter Frauen” anzugehen. Es wurde mit mehr Wohlwollen zur Kenntnis genommen als auch schon. Wir haben im Westen so ein tolles Feindbild vom boesen Mann entworfen, dass es Gewalt unter Frauen, oft subtilster Art, gar nicht geben darf. In Indien ist diese Gewalt alles andere als subtil. Was Schwiegermuetter, welche die absolute Herrschaft im Haus fuehren, auch ueber ihre Soehne, ihren Schwiegertoechtern antun, sie bis zum Selbstmord treiben, das kann man sich fast nicht vorstellen. Irgendwo haben mehrere Ehemaenner ein Dienstmaedchen missbraucht. Die junge Frau ging zur Polizei. Da rotteten sich die Ehefrauen zusammen und brachten sie um, damit nichts an die Oeffentlichkeit haette gelangen sollen.
Das groesste Problem der indischen Frau ist die Aussteuer, nicht das Verheiratetwerden. Ich habe noch niemanden gefunden, der oder die gegen diese Art der Eheschliessung gewesen waere. Unsere Art ist ihnen absolut nicht glaubwuerdig.
In Indien heiratet man nicht bloss einen Partner, sondern man heiratet in eine Familie. Die Hochzeit ist nicht ein Ende, sondern ein Anfang. In ganz vielen Familien steht durchaus das Wohl der Kinder im Vordergrund. Aber durch die Verarmung gibt es leider ganz viel anderes. Die Forderungen nach der Aussteuer der Frauen wird immer schlimmer. Eine Familie mit mehreren Toechtern verarmt oder sie koennen nicht heiraten oder sie werden in der Familie des Mannes gequaelt, weil sie nicht genug mit in die Ehe brachten. Schwiegertoechter werden umgebracht oder zur Verzweiflung getrieben, damit die Maenner ein zweites Mal heiraten koennen, der Aussteuer wegen.
Der Direktor (Priester) von Ashar Bavan stellte mir einige Maedchen vor. Bei der einen sagte er ziemlich resigniert: Die wollten wir verheiraten, aber sie mochte den Jungen nicht. Jetzt muessen wir wieder vorne anfangen.
Salesianerinnen in Bangalore haben ein anderes System. Drei Schwestern sind fuer die Verheiratung zustaendig. Sie erziehen 200 Waisenmaedchen oder Kinder ganz armer Eltern, die ihre Kinder nicht ernaehren koennen. Diese Maedchen werden gut ausgebildet und sind deshalb auch begehrt. Sobald die Famile eines jungen Mannes sich nach einem heiratsfaehigen Maedchen erkundigt, ziehen die Nonnen los und schauen sich die Verhaeltnisse genau an. Dann wird auch die Familie des Mannes zur Kasse gebeten. Die Maedchen erhalten einen Koffer mit dem noetigen Schmuck (sehr wichtig), den Kleidern und der uebrigen Aussteuer, was es braucht an Geschirr und Hausrat. Dann kann geheiratet werden. Ich habe mehrere dieser Ehepaare gesehen, die wirklich auch gluecklich sind. Wird ein Maedchen ungluecklich, helfen die Schwestern weiter, oft kommen sie dann mit ihren  Kindern zurueck. Ein indisches Sprichwort sagt: Im Westen heiratet man den, den man liebt. In Indien liebt man den, den man heiratet.
Die christlichen Kirchen haben sicher das Allermeiste zur Besserstellung der indischen Frau beigetragen, besonders ungezaehlte Ordensleute. Aber heute driften selbst hier Frauen- und Friedensarbeit  von der Kirche weg.
In Ashar Bavan lebt auch Pater Douglas, 33. Er machte in Rom den Doktor, spricht fliessend italienisch, war in den 5 Jahren aber auch 5 mal 2 Monate in Deutschland. Das hat gereicht, um fliessend deutsch zu lernen, sogar um auf deutsch zu predigen. Immer wieder entdecke ich das Geniale im indischen Menschen. Er ist gluecklich, dass er jetzt oefters deutsch ueben kann, und ich bin froh mit jemandem auf deutsch quatschen zu koennen. Er unterrichtet auch im Priesterseminar. Ob er dort auch schon ueber Gewaltfreiheit gesprochen haette? “??” Jetzt liest er das Schreiben der deutschen Bischoefe: Gerechter Friede (wer es nicht kennt, kann es als pdf-Datei 434 KB im Internet, z.B. unter http://www.schalomdiakonat.de/Gerecht.pdf  finden). Auch einen Papsttext von Assisi habe ich dabei.
Seit 40 Jahren rufen die Paepste zu Gewaltfreiheit auf, aber die kirchentreue Basis und ein Grossteil des Klerus hat es nicht gemerkt. Muss die indische Kirche die gleichen Fehler machen wie im Westen? Wann werden die indischen Bischoefe und Ordensleute die Zeichen der Zeit verstehen?
Auf den Philippinen haben die Ordensleute das Volk fuer die gewaltfreie Revolution gegen Marcos vorbereitet.
Ich hoffe auf noch viele gute Gespraeche mit Pater Douglas.

Nach dem langen Seminar bin ich an meine endgueltige Adresse umgezogen. Das ist ein Raum direkt neben den Buero. Damit ich nicht alleine bin, schlaeft Treesa im Buero. Sie kocht und tut auch auch sonst fuer mich fast alles, ausser Kaese essen. Die Diemelstrasse soll sich vorsehen, ich bin jetzt gewohnt eine Haushaelterin zu haben!!
Treesa (Foto) kauft auch ein. Damit kostet alles nur etwa ein Drittel. So kann ich gut eine Hausangestellte haben. Sonst sind noch fuenf Frauen da, eine ist die Sekretaerin. Die andern machen allerlei Handarbeiten: Tischsets und Karten mit gepressten Blumen,etc.
Ihnen sollte ich beibringen, Gestecke aus Trockenblumen zu machen. Das Schwierigste ist der kulturelle Hintergrund. In Indien mag man es bunter als in Deutschland, am liebsten pink, grasgruen oder ein gelb oder orange, dass mir die Augen traenen. Kokosnuss, bei uns in der Binderei sehr teure Artikel, sind hier in Indien Ware, die ueberall rumliegt. Kein Inder wuerde sowas kaufen, wohl aber Touristen. Sehr schwierig ist es auch die Frauen zu etwas Neuem zu motivieren. Sie machen alles, was man sagt, aber eine Eigeninitiative starten, etwas ausprobieren, mal aus dem Haus gehen, um zu sehen, was da alles waechst und was man gebrauchen koennte, das ist schwierig. Beena, die in vielem Bescheid wuesste, ist fuer 10 Tage in Holland. Das macht es noch schwieriger. Blumen zu kriegen, die wir selber trocknen koennen, ist fast eine Kunst. Nale…gibt es vielleicht welche.. Kitt zum Stecken findet sich in Indien ueberhaupt nicht.
Auf Weihnachten soll es eine Ausstellung mit den verschiedenen Arbeiten geben
 Kuerzlich hatten wir eine gute Sitzung, wo ich die Frauen ermunterte, miteinander nach Moeglichkeiten zu suchen. ALLE muessen mitdenken, seither ist doch einiges besser. Schliesslich kam sogar aus: Frueher haben die einheimischen Kunsthandwerker durchaus mit Kokosnuss gearbeitet. Jetzt liegen einige im Wasser. Morgen sollten sie bearbeitet werden. Nale! Heute haben wir die eingeweichten Buddahbaum-Blaetter ausgewaschen, bis nur noch die Blattrippen uebrig sind. Zum Glueck habe ich das vor vier Jahren in Bangalore von einer Wienerin gelernt…
Eins der Maedchen hat mir ein Riesenkompliment gemacht: Du strahlst eine grosse Ruhe aus. Das tat mir gut bis in die Zehenspitzen.Die Ruhe sieht bei mir zuweilen so aus: Ich sollte telefonieren und bat in Asher Baven das Maedchen, die Telefonzelle zu oeffnen.” In 5 Minuten”. Nach einer Stunde ging Laksmi zu ihr, aus dem gleichen Grund. Mit dem Anruf klappte es nicht, angeblich weil der Computer nicht funktionierte. Also ging ich in die Stadt. Am ersten Ort sprach niemand English. Als ich beim zweiten endlich an der Reihe war, war am andern Ende besetzt. Jetzt ging die Tuere nicht mehr auf. Fuenf Minuten warten, bis diese repariert war. Zu hause angekommen, merkte ich, dass der Computer doch funktionert haette. Das Maedchen hatte ihn nur nicht angestellt. Aber fuer mich ging das Seminar weiter. Nale! Am andern Morgen hat es dann auch geklappt, nur kostete es jetzt das Doppelte…
Das ganze Leben besteht hier aus solchen Geschichten. Ein besonderes Gefuehl sind immer die Busfahrten.. Die Busse sind nur auf malayalm angeschrieben. So stehe ich als weisse Analphabetin mitten unter indischen Gebildeten mit meinem Zettel, auf dem in Malayalam als auch in Englisch geschrieben steht wo ich hin will, z. B. Kacheripady oder Palarivattom. Gestern waren wir in Kadavanthara. Man muss es ja nicht nur lesen, man muesste es auch aussprechen koennen!
Trotzdem ist das Ganze fuer mich hier eine Traumstelle. Ich wuerde sie aber nur reiferen Frauen empfehlen. Man kann am Abend ja auch nicht ausgehen. Einen Fernseher gibt es auch nicht. Fuer Informationen bleibt nur das Internet. Minesweeper spielen kann ich auch. Hurrah, ich bin gerettet! Besuch sollte ich nach 6h30 keinen mehr haben (ab da ist es dunkel), schon gar nicht Maennerbesuch, und wenn Besuch, dann nur auf der Terrasse! Man koennte natuerlich auch im Hotel wohnen. (Auch dann sollte eine Frau nicht alleine ausgehen, wenn es dunkel ist). Aber ich habe mich jetzt der Herausforderung gestellt, um so mehr als ich ja wirlich nicht allzuoft Maennerbesuch habe… Man muss auch faehig sein, die Situationen so zu nehmen wie sie sind. Umgekehrt wird ja auch keine Pefektion erwartet. Hier kann man lernen ueber sich selber und soviel anderes zu lachen.
 Waehrend des abendlichen Stromunterbruchs sitzen Treesa und ich meist auf der Terrasse. Ich liebe es, den Leuten zuzuschauen, die vorbeigehen.
Eine Handarbeitslehrerin waere hier am Platz, um neue Techniken zu vermitteln. Ich vermeide bewusst das Wort lehren. Wir sind nicht hier um zu lehren, sondern um zu lernen, besonders das Improvisieren. Man wird aber unweigerlich in die Rolle der Animatorin geschoben.
Daneben laeuft natuerlich das Projekt, eine Jugendgruppe aufzubauen. Da war mal was, aber Studenten haben die Angewohnheit zum Studium wegzuziehen. So ist fast nur Cukoo uebrig geblieben, und sie muss fuers Abitur arbeiten. Ich bin gerade noch dreieinhalb Monate hier.
Trotzdem sammeln wir im Moment Friedensbilder, Zeichnungen und  Labels. Dabei werden wir, dank Internet, ganz liebenswuerdig von Rainer Stiehl vom Oekumenischen Dienst in Wethen unterstuetzt. Er hat auch die Arbeit uebernommen, meine Berichte in die Wethener Homepage zu stellen. Herzlichen Dank, lieber Rainer.
In Koratla waere eine ganze Schule bereit, so etwas aufzubauen, aber das ist ueber 1000 km weiter weg. Ich weiss auch nicht, ob ich diese Reise nochmals machen moechte.. Ich werde eh schon mit dem Zug zurueck nach Bombay fahren, zwei Naechte und ein Tag. Das reicht eigentlich.
Ich bin also eine Aussaehfrau. Das Wachstum muss ein Anderer schenken.
Uber die verschiedenen Zweige der Kulturakademie werde ich das naechste Mal berichten. Darueber weiss ich noch zu wenig.

Auf Weihnachten habe ich eine grosse Bitte: Bitte steckt kein Geld in einen Brief. Falls er ueberhaupt ankommt, kann mir das groesste Schwierigkeiten verursachen. Willkommen sind gestempelte Briefmarken. Auslaendische Marken werden hier mit Eifer gesammelt. (Bitte keine Sondermarken auf die Briefe kleben.) Fotos, Winterbilder waeren dienlich. Manchmal werde ich gefragt, wie denn unsere Haeuser  aussehen. Dummerweise habe ich alle Fotos vergessen. Bilder mit Maennern bei der Hausarbeit haetten erzieherischen Wert. Sadhu Wolfgang mit Kochloeffel und Topf, Carsten beim Staubsaugen, Klaus beim Babywickeln und  Achim beim Waescheaufhaengen.. Es gibt bestimmt noch viele andere vorbildliche Maenner, die diese Zeilen lesen..??

Ich bin gefragt worden, ob ich meinen Aufenthalt hier verlaengere. Nein. Das Visa laeuft am 5. Maerz ab, ausserdem darf ich nicht laenger als ein halbes Jahr von Deutschland wegbleiben, sonst verfaellt meine Aufenthaltserlaubnis. Ich moechte auch gerne mal wieder an die Diemelstrasse und im April leite ich die Ostertage in Haus Overbach mit Pater Esser.. Dies nur als Erinnerung fuer Interessierte.

Ja, und was dann? Es waere schoen, wenn ich wenigstens zeitweise meine Erfahrungen einsetzen koennte und dafuer auch bezahlt wuerde. Ich hoffe natuerlich auch beim Bergwaldprojekt wieder mitarbeiten zu koennen.

Fuer heute schliesse ich mit einem Text von Cuckoo und Nazia, den sie am Medienseminar verwendet haben: "Let the youth of this world join hands to combat violence and redefine our lifes from a culture of violence to a culture of peace and nonviolence."

Empfangt meine herzlichsten Gruesse.         Eure Schwester Myriam

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