2. Bericht mit Informationen aus Bombay und Koratla (150 km von Warangal), erhalten am 7. Oktober 2002


"What is use of worrying? You 're either going to live or to die. If you die, you will either go to heaven or to hell. If you go to heaven, there is nothing to worry about. If you go to hell, you will be so busy shaking hands with all your friends you won't have time to worry!"

Hallo, Ihr Lieben!

Dieser Spruch, der im Buero des Schulleiters haengt, gibt die indische Mentalitaet bestens wieder. Er ist aber geradezu auch zynisch, wenn ich an Bombay denke. Die Leute machen sich auf ins vermeintliche Paradies und finden sich in der Hoelle wieder. An Elend, Dreck und Gestank wird diese Stadt wahrscheinlich nur noch von Kalkutta uebertroffen. Bombay ist eine Brutstaette von Malaria und Aids. Ganz in der Naehe von Daniels Haus ist eine katholische Pfarrei mit Aids-Zentrum. Bombay hat natuerlich auch ein Schicky-micky-Viertel mit Luxushotels, wie man sie kaum vorstellen kann. Dort ist auch das Schweizer Konsulat, wo ich voellig unangemeldet mit der Schweizer Konsulin ein gutes Gespraech fuehrte. Sollte mir was zustossen, wird die Diemelstrasse direkt von dort informiert. Also, no need to worry. Irgendwo kam ein hinduistischer Moench auf mich zu und segnete mich, dann wollte er Geld haben. Ich gab ihm eine Rupie, aber das war ihm nicht genug. "Den Rest geb ich diesen Kindern, die haben Hunger." Da war's aus mit dem Segen. Ich war tatsaechlich von zwei Maedchen begleitet worden, die mir die Stadt zeigen wollten. Sie sagten mir mehrmals, dass sie kein Geld haben wollten, denn das wuerde ihnen sofort geklaut. Die eine war ungefaehr 12, die andere ungefaehr 8. Besser wussten sie es nicht. Die Groessere spricht sehr gut Englisch und ist gut erzogen. Sie muss bessere Zeiten gekannt haben. Sie kommen aus Madras, wo ihre Eltern heute noch leben, aber mit denen wolle sie nichts mehr zu tun zu haben. Schliesslich lud ich sie zum Essen ein. Die indischen Portionen sind riesig. Es ist ja nicht so, dass es in Indien zuwenig zu essen gaebe, sondern mit der Verteilung klappt es nicht. Ich konnte nur wenig essen. Die beiden Maedchen entwickelten einen Appetit und assen meine Portion auch noch auf. Auf meine Frage, wann sie das letzte Mal gegessen haetten, wurden sie sehr wortkarg...  Ich warnte sie dann noch, sich mit weissen Touristen einzulassen, aber wahrscheinlch wird sie den Weg gehen, den so viele gehen muessen.

Mit Daniel habe ich noch gute Gespraeche gefuehrt. Ich hatte mich gewundert, dass in seiner Wohnung keine hinduistischen Bilder hingen, aber auch keine christlichen, obwohl er sehr gut Bescheid weiss ueber das Christentum. Daniel ist einer der wenigen Juden Indiens. Sein Bruder ist sogar nach Israel ausgewandert. Daniel ist als Junge einmal Gandhy begegnet. Im Studium hatte er dann immer Kontakt mit Gandhy-Leuten. So macht er seit 45 Jahren Friedensarbeit, vor allem in Gujarat. Die haben dort so eine Art Wahrheitskommission. Er wollte mir noch eine genaue Information schicken, aber eben kam ein mail an, dass sein Computer mal wieder nicht arbeitet. Falls sie doch noch eintrifft, werde ich sie spaeter schicken. Daniel hat eine Bitte an mich gerichtet, die ich jetzt einfach so weitergebe: Fuer sein Zentrum braucht er 1000 Dollar im Jahr. Das bringt er nur zum Teil mit indischem Geld auf. Falls jemand Interesse hat ihn zu unterstuetzen, hier ist seine e-mail-Adresse: danielm@vsnl.com .

Mittlerweile bin ich im Paradies gelandet. Hier ist Indien nicht ueberbevoelkert, noch elend [was etwas anders ist als Armut] und auch einigermassen sauber. Vor den Haeusern wird jeden Tag gefegt. Da es keine Muellabfuhr gibt, muss der natuerlich irgendwo liegen. Die lange Bahnfahrt war unglaublich schoen. Wer nie eine solche Bahnfahrt gemacht hat, weiss gar nicht, wie langweilig eine Fahrt im ICE ist. Im indischen Zug kann man auf der Schattenseite an der offenen Tuere sitzen und die Gegend geniessen. In Warangal wurde ich von Pater Jose Marie abgeholt. Dann mussten wir noch 5 Stunden [150 km] mit dem Bus und schliesslich die letzten km mit der Autoriksha. Die Gegend hier ist wunderschoen, die Reiskammer Indiens, nur fiel der Monsun zu schwach aus. Die Reisfelder werden schon gelb und es ist viel zu heiss fuer die Jahreszeit. Im Mai gehen die Temperaturen auf 50 Grad hoch. Es ist die heisseste Gegend Indiens.

Pater Jose Marie (auf dem Foto zweiter von rechts) gehoert zu den Missionaren des hl. Franz von Sales MSFS, einer salesianischen Kongregation, wie im vorletzten Jahrhundert mehrere entstanden sind. Heute gehoeren ihr ueber 1000 Inder und nur noch eine Handvoll Weisse an. Franz von Sales ist in Indien mehr praesent als in Europa. Seine gewaltfreie, frohmachende Spiritualitaet entspricht der indischen Mentalitaet.

 Die MSFS leiten Erstklass-Schulen, oft auch Hochschulen. Da sie Schulgeld verlangen muessen, um nicht von westlichem Geld abhaengig sein zu muessen, sind dies keine Armenschulen. Mittelstandskinder aller Religionen, auch aus den Doerfern, sind da. Armenschulen werden eher von Schwestern geleitet. Die meisten sind hoch gebildet. Auch bei JM wundere ich mich ueber seine breite oestliche als auch westliche Allgemeinbildung. Kuerzlich erzaehlt er mir etwas von Bismarck und Caribaldi. Auch in der Literatur ist er gut drauf. Er erzaehlt mir von Gullivers Reisen. Typisch der weisse Mann, der in ein fernes Land kommt und sich als Riese vorkommt, der dann selber ins Land der Riesen kommt und sich total klein vorkommt. Diese Auslegung hatte ich noch nie gehoert.

Die Schule von Koratla (Foto) liegt ausserhalb der Stadt, im freien Feld. Viele Schulen liegen ganz abseits der Ortschaften, zum Teil  wohl auch, um Leute aus den grossen Ballungszentren zurueck zu locken. Tatsaechlich werden viele neue und schoene Haeuser von Rueckkehrern gebaut. JM sagt, dass wenn alle indischen Wissenschaftler, die fuer Amerika arbeiten, hier waeren, dann saehe alles anders aus, aber trotzdem, bis in 20 Jahren seien eh Indien und China die Weltmaechte, ausser es wuerden unvorhergesehene Katastrophen eintreten, z.B. Klimaveraenderung, Aids oder ein sinnloser Krieg mit Amerika. Tatsaechlich sind die indischen Angaben ueber Aids weit hoeher als die offiziellen der WHO. Bis in die letzten Doerfer haengen riesige Plakate, die vor Aids warnen. JM haelt auch nicht zurueck mit seiner Meinung ueber die westliche Kirche, die lieber absaeuft, als Inder einzusetzen. Ich selber bin der Ueberzeugung, dass eine christliche Erneuerung aus Indien kommen wird, wie im ersten Jahrtausend aus Irland. Es muessten allerdings gut vorbereitete und erfahrene Leute sein. Nicht alles ist so gut in der indischen Kirche, wie das so oft dargestellt wird. Gerade junge Frauen gehen oft ins Kloster, weil sie dann besser versorgt sind als wenn sie verheiratet wuerden. Ausserdem fehlt den Eltern oft das Geld, mehrere Toechter zu verheiraten. Es muesste ein Neuanfang in der westlichen Kirche sein, nicht ein Loecher stopfen sein, wie das bis jetzt meistens der Fall ist.. Wenn ich an meine Heimatstadt Solothurn denke, wo ein altes Kapuzinerkloster bald leerstehen wird. Warum nicht mit einer indischen Gemeinschaft einen Neuanfang wagen?

In der Schule hier sind ueber 700 Kinder, im Alter von dreieinhalb bis zu 15 Jahren. Die 4-jaehrigen hatten diese Woche ihr erstes Englischexamen. Sie mussten ihren Namen mit westlichen Buchstaben schreiben. Die kleinen Kerlchen sitzen ganz aufmerksam und ruhig in ihren Baenken. (Foto: Waehrend der Klausur sitzen sie hier, weil die Baenke sonst zu dicht stehen). Als ich einem Pater unsere Kindergaerten schildere, lacht er nur. Ich hatte erwartet, dass es hier ist wie in den westlichen Ordensschulen frueher: hauptsaechlich Ordensleute als Lehrer. Weit gefehlt. Hier sind gerade mal 4 MSFS, welche die Leitung haben. Alles andere sind Leute aus der Gegend, auch Nichtchristen. Ausserdem ist eine Gruppe junger Lehrerinnen aus Kerala hier. Sie sind gut ausgebildet, finden dort aber keine Arbeit. Sie verdienen zwar nicht viel, haben aber eine sinnvolle Arbeit bis sie verheiratet werden. Schon am ersten Morgen wurde ich den 760 SchuelerInnen vorgestellt. Dann musste ich voellig unvorbereitet in die Schulraeume und etwas ueber Gewaltfreiheit erzaehlen. Ich habe mich noch nicht einmal ans Indien-English gewoehnt. Mindestens 70 Augenpaare waren voller Interesse auf mich gerichtet. Niemand lachte oder machte dumme Sprueche. Ich kam mir schrecklich vor. Jedesmal griff mir JM geschickt unter die Arme und erzaehlte das, was ich gerne gesagt haette. Die Kinder hatten viele Fragen. Was ist Friedensarbeit? Wie kann ich gewaltfrei sein? Werden bei euch Maedchen und Jungen gleichberechtigt erzogen? Was kostet bei euch eine Ananas? Und dann grosses Gelaechter. Ich erzaehle den Kindern auch wie gluecklich ich bin, in diese Gegend, in dieses ganz andere Indien gekommen zu sein. Bei uns herrschen so viele Cliches. Da faellt mir JM ins Wort und erzaehlt, dass ihn in Europa sogar intelligente Leute nach den heiligen Kuehen gefragt haetten. Immer wieder das selbe. Grosses Gelaechter. Zum Schluss gibt es fuer jedes Kind ein Stueck Weingummi aus dem Paderborner Gummibaerchenladen. Dann die Autogrammstunde. Ich habe mir die Finger wundgeschrieben. Als JM und ich wieder alleine sind, sagt er: Wie findest Du unsere Kinder? Fantastisch, sage ich. Weisst du, sagt JM, ich habe in Europa nicht ein einziges solch glueckliches und interessiertes Kind getroffen. Ich muss ihm leider beipflichten. Er hat den Kindern auch gesagt, wie wichtig es ist, internationale Kontakte zu haben, damit man nicht Clichees verfaellt. Er haette wohl gerne eine Partnerschule in Europa, fuegt aber auch hinzu, dass die Kinder das Porto nicht aufbringen konnten. Vielleicht ueber e-mail. Die haben ja alle schon frueh Informatik-Unterricht, wenn auch mit ganz wenigen Computern. Zuhause haben die wenigsten einen Rechner. Ich staune immer wieder, mit wie wenig die unglaublich viel machen. Ein Pater gibt Gesangsunterricht in Telugu, aber auch westliche Musik. Er selber spielt mehrer Instrumente, aber mangels solcher kann er keinen Unterricht geben. Ich habe JM eine Kasette mit Appenzellerstreichmusik gebracht. Jetzt klingen am Abend und am fruehen Morgen und sogar in der Kirche vertraute Laute durchs Haus. Die gefalle ihm besser als die Klassische Musik. Auch die Gen Rosso Kassette gefallt ihm gut. Er haette selber mal bei den Focolare mitgemacht.

Auch die Lehrer und einige Eltern interessierten sich fuer Friedensarbeit. Und natuerlich kennt jeder irgendjemand, der auch Friedensarbeit macht und gibt mir eine Adresse. Einen Lehrer erzaehlte ich, dass ich in Cochin mit misshandelten Frauen arbeiten wuerde. Darauf lachte er sich kaputt. Ich gab ihm daraufhin ein englisches Faltblatt von Solwodi. Seither hat er mich nicht mehr angesprochen.

Wir haben auch einen Priester besucht, der junge Hollaenderinnen und Daeninnen betreut. Das waere auch eine gute Moeglichkeit fuer den Versoehnungsbund. Auch JM wurde einen Praktikanten nehmen, am liebsten einen praktizierenden Katholiken mit gutem Charakter, der jungen Lehrerinnen wegen.

Auf meine Frage ueber interreligioesen Dialog, eher Wortkargheit. Die Schule sei angesehen und mit den lokalen Behoerden haetten sie keine Schwierigkeiten..  Mehr hat er zwar gesagt, aber gebeten nichts zu schreiben. Auf die Frage nach der Zusammenarbeit mit anderen christlichen Kirchen auch eher Zoegern. Ich habe dann bald gemerkt, dass mit protestantischen Kirchen amerikanische Bekehrungskirchen gemeint sind. No Comment. Ein Priester, der mit der lutherischen Kirche arbeitet, hat ganz anders gesprochen. Mehr zum Thema muesst Ihr Euch gedulden, bis ich zurueck bin. Am Dienstag fuhren wir in eine andere Schule. Der dortige Schulleiter ist ein Kuenstler. An den Mauern, die die Schule umgeben, hat er einzigartige Bilder zum Thema Umweltschutz, Frieden, etc., gemalt. Bei dem einen blieb ich wie angewurzelt stehen.

Das koennte DAS Friedensbild fuer Indien sein. Warum macht ihr davon nicht Postkarten? Betroffenes Schweigen, dann allgemeine Zustimmung. Ich sagte dem Pater, wenn das Bild bis Weihnachten nicht veroeffentlicht sei, wuerde ich ihm die Hoelle heiss machen. Gestern erhielt ich eine mail vom Schulleiter in Bangalore. Vor drei Jahren hatte ich ihm die Erlaubnis erwirkt, ein westliches Bild zu veroeffentlichen. Jetzt hat er sich dazu entschlossen... Fuer einen Aufschrei habe ich dann doch noch gesorgt: Zum Nachtisch gab es richtige Apfelschnitz wie in der Schweiz. Vor dem Nachtisch essen die Inder immer sauren Joghurt, weil das kuehlen soll. Ich dachte, das kann ich ja auch mischen. Ein Protestschrei! Das kannst du nicht machen. Als ich die 2. Portion schaufelte, raeusperte sich JM und probierte es auch. Not bad! Dann versuchte es der Naechste...

Wir fuhren auch zu einem Armenaltenheim, dass von einem Pater geleitet wird. Dort sind auch einige Blinde, zerebralgelaehmte und geistig Behinderte, die in Indien eh keine Chance haben. Ich moechte sicher nicht dort sein, weiss nicht einmal, ob ich dort arbeiten koennte, aber eines muss ich sagen: Die Leute werden liebevoll betreut, niemand zaehlt die Stunden, niemand liegt apathisch oder an Schlaeuche angeschlossen herum.

Vorgestern bin ich mit dem Schulbus in die Doerfer hinausgefahren, 18 km weit, 2 Stunden lang Achterbahn und das bei 40 Grad. Als ich zurueck kam, war ich gekocht, gebraten, gegrillt. Ich wollte nur noch schlafen. Die Lehrerin, die mich begleitet hatte, stieg aus dem Bus, als kaeme sie von einem Sonntagsausflug zurueck.

Gestern hatte ich den ganzen Tag Hausarrest.

Morgen um vier fahren wir los nach Hyderabad, 6 Stunden mit dem Auto. Zwei Tage spaeter fahren wir weiter an die Ostkueste.

Dies duerfte deshalb fuer laengere Zeit der letzte Bericht sein. In einem Cyberkoffee kann ich die nicht schreiben, weil ich mich zuwenig mit offline schreiben auskenne, und privat ist es schwierg eine Linie zu bekommen. Ausserdem, wer viel telephoniert, kann nur ein bestimmtes Soll erfuellen, was darueber ist, kostet das Doppelte.

Ich danke allen, die mittragen und mitbeten. Vor allem die Zeit in Bangalore duerfte schwieriger werden.

Ich gruesse euch alle ganz herzlich,
Eure Schwester Myriam

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